Postfrust

Schmuckrosette alte Post Bergmannstrasse
Schmuckrosette alte Post Bergmannstrasse

Die Menschen regen sich über Vieles auf.
Leider oft nicht über das, worüber sie sich aufregen sollten. Zur Zeit regen sie sich über die Coronamassnahmen auf….. Dabei gibt es Dinge, die viel schlimmer sind. Nämlich die Privatisierung ehemaliger staatlicher Aufgaben. Das geht schleichend voran. Wie man auf dem Bild erkennen kann, war die Post mal ein staatliches Amt, welches sich zur Aufgabe gemacht hatte, jedem Bürger Post und Pakete pünktlich zu bringen und es ihm gleichzeitig zu ermöglichen, diese ohne grosse Wege und Aufwand seinerseits auf die Reise zu schicken. Diese Aufgaben erledigten gewissenhafte Beamte, die weitgehend unabhängig von einer wirtschaftlichen Planung waren. Jeder Stadteil hatte ein Postamt wie das in der Bergmannstrasse, grössere sogar mehrere. Was ist daraus geworden?

Postfrust
ehemaliger Briefmarkenautomat Post Bergmannstrasse

„Schlichtweg entsetzt ist man im Bezirksausschuss über diese Entwicklung. Die Schließung, so argumentiert das Gremium im Antrag an den Oberbürgermeister und seine beiden Stellvertreterinnen, bedeute für die 30 000 Bewohner und Bewohnerinnen der Schwanthalerhöhe „eine massive Verschlechterung der Versorgungssituation mit Briefen und Paketen.
Treffe ein Zusteller die Adressaten nicht an, müssten Briefe und Pakete zumeist im Postverteilzentrum an der Arnulfstraße abgeholt werden. Besonders für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen sei dies eine unzumutbare Belastung.“

Quelle : Süddeutsche Zeitung vom 15.01.2021, Autorin Andrea Schlaier

Und weiter :

„Beim Stichwort „Wirtschaftlichkeit“ wittern die Lokalpolitiker im Bezirksausschuss außerdem noch einen ganz anderen Verdacht: eine einträglichere Wertschöpfung der Immobilie, in der seit den 1920er Jahren ein Postamt betrieben wird. Deshalb hat das Gremium bereits im vergangenen Dezember das städtische Referat für Stadtplanung und Bauordnung aufgefordert, für das Gebäude eine Veränderungssperre zu erlassen, um, wie es heißt, „Spekulationen mit einer anderen, lukrativen Nutzung des Anwesens einen Riegel vorzuschieben“. Man verliere, so konstatiert der BA, einen Laden des täglichen Bedarfs nach dem anderen, aber nicht wegen neuer Einkaufszentren, „sondern weil zum Beispiel Eigentümer und Vermieter mehr Geld bekommen, wenn sie statt an einen Schreibwarenladen an einen Faltgrillladen vermieten“. Das Verschwinden der Post sei dann das Tüpfelchen auf dem i.“

Quelle : Süddeutsche Zeitung vom 15.01.2021, Autorin Andrea Schlaier
Post Theresienhöhe
Post Theresienhöhe
Post Holzapfelstrasse
Post Holzapfelstrasse

Hier müssen jetzt also 30000 Bewohner des Viertels ihre Pakete abholen, sofern, was fast normal ist, sie nicht angetroffen werden. Lange Schlangen und Wartezeiten sind angesichts der Enge der Läden vorprogrammiert und an der Tagesordung. Man bedenke, dass in diesen Lottoannahmestellen neben den kleinen selbstständigen Besitzern 450,-€ Kräfte arbeiten, auf deren Schultern die nun ehemals hoheitlichen Aufgaben ruhen. Mir ist es selber schon öfters passiert, dass ich zur Arnulfstrasse musste, weil die Packstationen schlichtweg keinen Platz mehr hatten und überlastet waren.


Ganz stolz verkündet dabei der DHL-Konzern seinen Gewinn :

„Konzern knüpft an Rekordergebnis in 2020 an: EBIT im ersten Quartal 2021 auf 1,9 Milliarden Euro mehr als verdreifacht, Konzerngewinn steigt auf 1,2 Milliarden Euro“

Quelle : Pressemitteilung der DHL 05.05.2021

Ja klar, Beamte sind besser bezahlt worden als Hilfskräfte der Privatwirtschaft…. Zynisch gesagt, kann man froh sein, dass wir immerhin noch eine unabhängige Polizei, Justiz und eine funktionierende Wasserversorgung der Stadtwerke München haben.

Geschlossen
Geschlossen


2 Antworten auf „Postfrust“

  1. Ich bedaure sehr dass das Postamt in der Bergmannstraße geschlossen wurde.
    Dies erschwert den Alltag wenn man zum Abholen eines nicht ausgelieferten Paketes in die Anulfstrasse fahren muss. Was aber für mich noch zu verkraften ist, ist für viele ältere und gebrechliche Westendbewohner wohl eine unüberwindliche Hürde.

    In der nächsten mir bekannten Poststelle die in einem Schreibwarengeschäft untergebracht ist, werden auf jeden Fall keine Pakete geliefert.
    Mal wieder wurde auf Kosten der Lebensqualität der Menschen gespart damit ein großes Unternehmen mehr Gewinne machen kann.

    Merkwürdig das dies die ganzen letzten Jahrzehnte kein Problem war.
    Mit der neu hinzugekommenen Konkurrenz andere Paketdienstleister ist dies nicht zu erklären. Da DHL nach wie vor als Dienstleister gut ausgelastet ist und die Preise immer weiter angehoben wurden.

    Auf jeden Fall vermeide ich es in Zukunft so weit wie möglich DHL als Dienstleister zu nutzen, ich habe keine Zeit und Lust Pakete in der Anulfstrasse abzuholen.
    Vielen Dank für deine Artikel und die interessanten Fotos!

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